Erinnerungstopografie Breslau / Wrocław: Wzgórze Partyzantów
(früher: Liebichshöhe) im August 2015.

(Foto: E. Keller)

Felix Lazar Pinkus wurde am 13. August 1881, Else Pinkus-Flatau am 5. September 1883 in der schlesischen Stadt Breslau geboren.

Die Stadt liegt heute in Polen und heisst Wrocław. Sie steht wie kaum eine andere für die «doppelte Tragödie» (G. Thum) des polnischen 20. Jahrhunderts: Nach der fast vollständigen Zerstörung durch die Nationalsozialisten in den letzten Monaten des 2. Weltkriegs (Breslau war von Hitler zur «Festung» erklärt und danach von der deutschen Artillerie weitgehend niedergelegt worden), wurde Breslau «polonisiert». Mit der Verschiebung der Grenzen 1945  wurde das ehemals deutsche Schlesien Teil Westpolens und die verbleibende deutsche Bevölkerung wurde komplett ausgetauscht. So auch in Breslau, wo die Erinnerungspolitik des Kalten Kriegs alle deutschen Spuren in der Stadt tilgte. Erst mit dem Zerfall des Ostblocks, der endgültigen Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze im deutsch-polnischen Grenzvertrag von 1990 und dem Beitritt Polens zur Europäischen Union ist es möglich geworden, die davor tabuisierten Jahre, in denen die deutsche Geschichte der Stadt ausgeblendet worden war, kritisch zu erforschen.
Heute ist Wroław eine aufstrebende Stadt der Mittelklasse, wie es viele in Europa gibt.

Auf dem Bild zu sehen ist das leider nicht mehr öffentlich zugängliche Belvedere auf der Wzgórze Partyzantów (dt. Partisanenhügel). Früher hiess die künstliche Aufschüttung, zu der das Belvedere gehört, Liebichshöhe, benannt nach seinem Erbauer.
Die Familie Flatau wohnte in unmittelbarer Nähe der Liebichshöhe, an der Neuen Taschenstrasse (heute: Ulica Hugona Kołłątaja), die direkt auf diesen markanten Punkt der städtischen Erinnerungstopografie zuführte. Die Familien Pinkus und Flatau gehörten zum breiten jüdischen Bürgertum Breslaus. Mit rund 20’000 jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern um 1900, bildete Breslau die drittgrösste jüdische Gemeinde Deutschlands. Heute leben allerdings bloss noch rund 300 Jüdinnen und Juden in Wrocław.
Das jüdische Breslau ist von den Nationalsozialisten vernichtet worden und die polnische Politik während des Kalten Kriegs sabotierte alle Versuche, hier wie in ganz Polen wieder jüdische Gemeinden aufzubauen.

Günther Anders, 1902 in Breslau geboren, über die Liebichshöhe, auf der in seiner Kindheit dauernd Musik gespielt worden sei:
«Ohne Musik war dieser Ort offenbar ebensowenig möglich wie ohne Luft oder ohne Raum oder ohne Zeit.»

Literatur:
Anders, Günther: Besuch im Hades. Auschwitz und Breslau 1966, München 1979.
Friedla, Katharina: Juden in Breslau / Wrocław 1933–1949, Köln 2015.
Thum, Gregor: Die fremde Stadt. Breslau 1945, Berlin 2003.

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Vor Ort

Konvolut mit verschiedenen, teilweise unvollständigen Ausgaben der Arbeiter Illustrierten Zeitung AIZ. Die AIZ wurde ab 1921 von Willi Münzenberg aufgebaut und erschien bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in Berlin, danach im Exil in Prag bis 1938. Heute ist sie vor allem bekannt als die Zeitung mit den Fotomontagen John Heartfields. Im Besitz der Studienbibliothek.

Theo Pinkus sammelte Drucksachen aus Leidenschaft und mit Geschäftssinn. Konservatorische Anliegen waren ihm fremd und genauso wenig behandelte er seine Materialien als Fetisch. Sie waren ihm Informationsträger, aber keine Reliquien. Gerne verteilte er etwa Dubletten aus seiner umfangreichen Sammlung der AIZ an FreundInnen und GenossInnen, riss manchmal auch einzelne Seiten einfach heraus. Aus diesem Grund sind diese Restbestände heute stark zerfleddert.

Marx-Spieluhr (spielt die «Internationale») von Theo Pinkus. Im Besitz der Studienbibliothek.

Über der in einem gläsernen Boden steckenden Mechanik erhebt sich – durchaus ironisch – der Überbau, dreifältig: Verkörpert als Karl Marx, kämpferisch mit hochgereckter Faust und symbolisch-analytisch mit einem Band des «Kapitals» unter dem Arm. Die Verwertungsrechte der «Internationalen» liess sich übrigens ein privater Medienunternehmer sichern. Er kassierte bis 1989 jährlich etwa 20’000.— Mark von der DDR für das Abspielen und –singen der Hymne. Heute gehören die Rechte der Allgemeinheit. Siehe dazu auch den Spiegel aus dem Jahre 1975.

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Objekte
Studienbibliothek

Theo Pinkus und Mirjam Pinkus mit Hunden vor dem Eingangsportal des Hauses Zum Krystall, ca. 1925.

Das repräsentative Haus Zum Krystall an der Susenbergstrasse 110 wurde von Felix Lazar Pinkus 1924 gebaut. Zu der Zeit war Pinkus Bankier, Mitglied der Demokratischen Partei und der noblen jüdischen Augustin-Keller-Loge. Drei Jahre später krachten Pinkus’ Finanzgeschäfte über Nacht ein. Pinkus setzte sich ab in Richtung Albanien, wo er während über zwei Jahren untertauchte. Das Haus wurde Teil der Konkursmasse, seine Ehefrau und die beiden Kinder verliessen die Schweiz. Else und Theo Pinkus liessen sich bis 1933 in Berlin nieder, die kleine Mirjam wurde zu den Grosseltern nach Breslau abgeschoben.

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Familienarchiv

Verschiedene Objekte aus dem Familienarchiv: Ein Jubiläums-Zinnteller des Schweizerischen Alpenclubs SAC, ein selbstgebasteltes Wappen des Kantons Zürich, ein Ansteckfähnchen der Sozialdemokratischen Partei SP, ein Türschild und eine Schachtel mit Monogrammen von Theo Pinkus.

Schon Felix Lazar Pinkus war begeisterter Berggänger und wie viele Linke seiner Zeit, waren Theo und Amalie Pinkus-De Sassi nicht bloss in den Naturfreunden aktiv, sondern auch Mitglieder des SAC. – Nach Theo Pinkus’ Rauswurf aus der illegalisierten Kommunistischen Partei der Schweiz 1942 (seine Frau Amalie schloss man gleich mit aus) traten die beiden später der SP bei.

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Objekte
Zentralbibliothek

Im Büro der Studienbibliothek zur Geschichte der ArbeiterInnenbewegung an der Quellenstrasse in Zürich.

Februar 2015.

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Studienbibliothek
Vor Ort

Theo Pinkus im Lager des Büchersuchdienstes in Keller der Predigergasse 7 in Zürich. Undatiert.

1940 wurde der Büchersuchdienst Bührer von Theo Pinkus und Selma Bührer gegründet. Pinkus war damals arbeitslos, seine Ehefrau Amalie unterstützte ihn. Den Namen Pinkus wollten die beiden zunächst nicht im Namen des Büchersuchdienstes führen; vielleicht wegen des Bankrotts des Vaters, vielleicht auch, weil Theo Pinkus bereits als Kommunist stadtbekannt war. Nach harzigem Anfang rentierte das Geschäft, ein Antiquariat wurde eröffnet und nach dem Krieg etablierte sich der Buchhandel unter dem Namen Pinkus. Pinkus wurde, weit über Zürich hinaus, zum Synonym für Sozialismus und Buchhandel.

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Familienarchiv

Leere Regalreihen im Keller der Studienbibliothek.

Februar 2015.

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Studienbibliothek
Vor Ort

Streichholzbrief mit Aufschrift «Infra – Informationsstelle für Frauen».

Aktivistinnen aus der Frauenbefreiungsbewegung FBB gründeten im September 1972 die Infra in Zürich. Die Infra bot unentgeltlich Beratung zu Themen wie Schwangerschaftsabbruch, Verhütung, Erziehung, Medizin usw. Amalie Pinkus-De Sassi war FBB-Aktivistin der ersten Stunde.

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Objekte
Zentralbibliothek

Undatiertes Foto von Amalie Pinkus-De Sassi, ca. 1930er Jahre.

Amalie De Sassi kam am 4. Juli 1910 in Zürich zur Welt, in so genannt einfachen Verhältnissen. Früh schon politisierte sie sich, engagierte sich an Kundgebungen und in Streiks in Zürich. 1931 nahm sie Teil an einem Kongress der Internationalen Arbeiterhilfe IAH in Berlin und bereiste danach mit einer Delegation während mehreren Wochen die Sowjetunion. Voller Begeisterung für den Kommunismus kehrte sie nach Zürich zurück und lernte dort später Theo Pinkus kennen.

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Familienarchiv

Inhalt einer Archivschachtel mit Tagebüchern von Felix Lazar Pinkus.

Zentralbibliothek Zürich, Februar 2015.

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Vor Ort
Zentralbibliothek

Loses Deckblatt der VPOD-Broschüre «Vertrauensleute-Kurs» von 1932 mit einem Holzschnitt von Frans Masereel (30. Juli 1889–3. Januar 1972). Im Besitz der Studienbibliothek.

Frans Masereel, französischer Holzschnitt-Künstler und überzeugter Sozialist, war ein Freund der Familie Pinkus. Er vermachte Pinkus & Co. 1962 die Rechte an seinem Werk. Der VPOD (Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste) ist eine 1924 gegründete Gewerkschaft, die aus dem 1905 gegründeten Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter hervorgegangen ist.

Zigarettenschachtel der Marke «Jockey-Club» aus der Türkei,
ca. 1927.

Es ist unklar, ob die mit Monogramm
«F. Pinkus» bezeichneten Zigaretten aus der Zeit vor oder während seiner Flucht ab August 1927 stammen. Wahrscheinlich aber hat er die angebrochene Schachtel aufbewahrt als Erinnerungsstück seiner geschäftlichen Tätigkeiten, die mit dem Zusammenbruch der «Banque Felix Pinkus» abrupt endeten.

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Objekte
Zentralbibliothek

Zeitungsseite mit Todesanzeige von Felix Lazar Pinkus-Flatau.

Else Flatau als Theaterschauspielerin in der Rolle einer nicht näher bezeichneten «Liebhaberin».
Foto ca. 1904.

Else Flatau probierte vor und nach ihrer Heirat mit Felix Lazar Pinkus eine Bühnenkarriere zu starten. Zunächst in Breslau, danach auf Bühnen in Berlin (u.a. unter Max Reinhardt), darauf im Süden Deutschlands – und am Ende in Zürich, bis ihr die Engagements endgültig ausgingen und sie sich als Autorin versuchte.

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Familienarchiv

Türschild der Wohnung von Amelie und Theo Pinkus-De Sassi an der Besenrainstrasse 26 in Zürich-Wollishofen.

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Zentralbibliothek

Das Haus Kerzenstock wurde im
13. Jahrhundert gebaut und später erweitert. Von 1957–1977 befand sich darin die Pinkus Genossenschaft.
Seit 1999 steht das Haus, das der Stiftung Studienbibliothek gehört, unter Denkmalschutz.

Foto vom Februar 2015.

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Vor Ort